08EINS

GRISON-MELTING-POINT

Die Ägypter feiern gerne. Geburtstage, Verlobungen und Hochzeiten sind hier Anlass genug, um ganze Strassen abzusperren und diese detailverliebt und überschwänglich zu dekorieren. Da wird richtig dick aufgetragen. Da es scheinbar zum guten Ton gehört, Europäer an Feierlichkeiten mit dabei zu haben, kamen wir – meine Partnerin Jacinta Candinas und ich – kürzlich in den Genuss einer Verlobungs-Teilnahme. Eine ägyptische Verlobung erlaubt es dem Paar lediglich, sich in Zukunft offiziell treffen zu dürfen. Das gemeinsame Wohnen geschweige denn das Austauschen von Zärtlichkeiten werden im Verlobungsstadium überhaupt nicht gutgeheissen. Ägyptische Vermählungen sind für uns ein praktisch nicht nachvollziehbares, langwieriges Prozedere. Da ein Paar wie gesagt erst nach der Hochzeit zusammenziehen darf, wird während Monaten, manchmal sogar während Jahren, Zeit in die Einrichtung, welche von Braut und Bräutigam und deren Familien angeschafft werden muss, investiert. Die Aufteilung der Güterbeschaffung ist klar definiert. Der Mann bringt die Möbel, die Waschmaschine, den Herd usw., die Frau ist zuständig für das Geschirr, die Bettlaken und Wanddekorationen aller Art. Klassische Rollenverteilung. Oft werden Paare sogar von den Familienoberhäuptern zusammengebracht, um ein finanzielles Desaster zu verhindern. Denn so eine Hochzeit geht ganz schön ins Geld. Zur Verlobung wird die Frau von ihrem Zukünftigen reichlich mit Schmuck beschenkt, was quasi eine Art Versicherung darstellen soll.

In unserem Falle waren ungefähr 200 geladene Gäste anwesend, welche sich in einer kleinen mit Lichterketten und Laternen geschmückten Strasse tummelten. Meist wird ein fulminant dekoriertes Podest aufgestellt, auf dem das Paar mehr oder weniger den ganzen Abend auf zwei prunkvollen Stühlen sitzt und Glückwünsche entgegennimmt. Das Ganze wird von einem DJ mit ägyptischer Popmusik dermassen ohrenbetäubend laut untermalt, dass es praktisch unmöglich ist, sich zu unterhalten.
Natürlich wird dazu dann auch getanzt. Allerdings getrennt. Also Frauen mit Frauen und Männer mit Männern. Ab und zu gibt es spektakuläre Showeinlagen, wie Derwische (Mönche der muslimischen asketisch-religiösen Ordensgemeinschaft Tariqa, die in bunten Röcken eindrücklich zu tanzen wissen) oder auch clownesk anmutende Männer auf meterhohen Stelzen, die unglaublich gewandt durch die Leute tanzen. Dazu werden literweise Süssgetränke geschlürft und nicht minder süsse Torten verzehrt. So gegen Mitternacht nimmt die Sause dann ein Ende und das Paar geht, wohlgemerkt getrennt, nach Hause.

Kürzlich waren auffällig viel illustre Bündner hier in Kairo anzutreffen. Zum einen haben wir Familienbesuch bekommen: Mein Bruder, der Perkussionist Dario Sisera, der mit seiner Lebenspartnerin Anita Willi (Geschäftsführerin der Eventagentur 08eins) angereist kam, sowie Jacinta Candinas’ Bruder Adrian Candinas, Mitglied der erfolgreichen Hip-Hop-Formation Liricas Analas. Zum anderen ist vor ein paar Wochen der junge Engadiner Fotograf Flurin Bertschinger, welcher von der Pro Helvetia das «Artist in Residence»-Stipendium gewonnen hat, in Kairo eingetroffen. Und zu guter Letzt kam vor einigen Tagen der Trimmiser Kaspar Howald angereist, welcher momentan ein Praktikum bei der Pro-Helvetia-Aussenstelle Kairo absolviert. Kairo ist zwischenzeitlich offensichtlich eine Art Grison-Melting-Point.
Gestern haben wir uns zusammen die Pyramiden von Giza angeschaut. Hier trifft der Orient schonungslos auf die okzidentale Welt. Vor Ort findet man imposante, bis zu 140 Meter hohe Pyramiden und die weltbekannte Sphinx, die stolz vor den Pyramiden Wache steht. Die Kraft dieser wunderbaren Bauten wird jedoch leider durch die Ansammlung von unendlich vielen Touristen, die sich oft und gerne in kurzen Hosen, Miniröcken, weissen Tennissocken oder freizügigen Topteilen, bewaffnet mit Fotoapparaten und Filmkameras, präsentieren, massgeblich getrübt. So kam es, dass wir die Kulturstätte im Eiltempo durchackerten um dann möglichst schnell wieder im praktisch touristenfreien Downtown-Kairo untertauchen zu können.

Nach wochenlanger wirklich harter Arbeit habe ich mir, natürlich auch des Besuchs wegen, einige Tage Ferien gegönnt, um nun mit neuem Elan wieder meine Arbeit aufzunehmen, mein Instrument zu erforschen, meine Musik zu vertiefen um früher oder später neue Ufer betreten zu können.