Ein Wochenende zwischen leeren Clubs und vollen Menschen…
KOLUMNE VON ANDERS G. WORDEN
Lang ist’s her da Mama’Sound noch regelmässig in unsereiner Lieblingsstadt zum Tanz mit schönen Menschen lud. Lang waren die Parties, laut die Musik, voll die Gläser, kurz die Gästelisten, da jeder gern feierte, mitgröhlte, Bacchus huldigte und vor allem seine Leute durch bezahlen eines kleinen Beitrags an der Kasse unterstützte. Time passes by und die Sitten und Gebräuche ändern sich. Während zwar immer noch getrunken und zeitweilen auch getanzt wird, schreitet man heute meist mit geschwellter Brust zum Türsteher, zückt die Identitätskarte/den Pass/den gefälschten Schülerausweis, nimmt einen tiefen letzten Zug seiner Marlboro und pustet, begleitet von Staubpartikeln in Luft, dem Türsteher folgende vier Worte ins Gesicht: “Bin uf dr Lischta…”.
An und für sich kein Problem, wäre da nicht das kleine aber feine Problem, dass sich nur noch die wenigsten “zum zahlenden Pöbel herablassen” wollen und einen kleinen Beitrag zu Churs Nachtleben leisten… Chur feiert lieber Fasnacht, maskiert sich, verdeckt sein wahres Gesicht hinter einer ausgelassenen Maske, benimmt sich idiotisch, betrinkt sich so richtig, anstatt sich am Vorabend für ein wenig Musik aus dem Hause zu wagen… So jedenfalls passiert letzten Freitag im Selig in Chur, wo die Swiss Hip Hop Night mit dem Melser El Padre, der Soloflasche aus dem Berner 6er Gascho Yuri, sowie dem Solothurner Manillio und St. Gallens Nummer 1, CBN, Schweizer Sprechgesang präsentierte. Geschätzte 50 Leute (hätte ich gezählt, wärens wohl ein oder zwei weniger gewesen) fanden sich im Tanzlokal ein um den Klängen einheimischen Hip Hops zu lauschen. Dass da nicht gerade der Bär steppte war irgendwie fast schon verständlich. Zu gross war die Hemmschwelle, zu gering die Anonymität in der Masse, um mal gehörig die Sau rauszulassen. Umso erstaunter war ich über den Elan, den die Herren CBN und Manillio trotz leeren Rängen an den Tag legten.
Nur, wie rechtfertigt man sich als Churer für eine solche Konzertsituation? Wie erklärt man dem Künstler und sich selbst einen fast leeren Club an einem Wochenende in einer früher so belebten Stadt wie Chur? Aber was mich noch mehr beschäftigt: Ist Hip Hop in Chur tot? Dem Elektro, der Halli Galli Musik oder gar der Apathie in Churs Nachtleben gewichen? Wir waren doch mal sowas wie eine Hochburg für Rap in der Schweiz. Da gabs doch Wochenende für Wochenende Konzerte, Jams, Battles und Parties. Oder war’s doch einfach die gute alte Fasnacht, die den braven Churer dazu bewegte, am Freitag zuhause zu bleiben und sich für den Samstag auszuruhen? Wenn ja, dann setzt euch die Maske auf, trinkt zu der Karavane, denn der Sultan hat Durst und lasst die Maske am besten gleich auf, wenn damit in Chur wenigstens wieder volle Lokale garantiert sind. Ich erkläre den Künstlern lieber Clownmasken im Publikum als kein Publikum im Club…
Danke und schönes Narrentreiben euch.
Ein letzter Fan ist
Anders G. Worden
